Knick in der Optik…

… oder: das hätte man ja wissen müssten!

Es ist (oder besser: war) am letzten Freitagabend, natürlich kurz vor Toresschluß, als ein verzweifelter Kunde mit einem USB-Stick den Laden betrat.

“Hilf mir, oh mein guter Mann, ich brauche Gutscheine! Fünfe an der Zahl, wohlproprtioniert auf ein normgerechtes DIN A4 mögest du sie mir drucken auf dieses, dem Auge wohlgefällige, silbermarmorierte Dekadenzpapier, daß ich extra für diesen Anlass aus meiner Schatzkammer mitgebracht habe. (Natürlich ziehe ich die Papierkosten vom Druckpreis ab, schließlich ist es ja mein eigenes!) So spute dich, oh guter Mann, und drucke mir aus was auf diesem Stick hier gespeichert wurde, denn ich habe alles schon druckfertig angelegt!”

Kurz und gut, ich öffne den Stick, finde 6 PDF-Dateien, Innenseiten und 1 Rückseite, ich lege das Papier ein, drucke, falte und liefere die 5 Karten aus. Zeit insgesamt etwa 10 Minuten, und selbst das war dem Kunden noch zu langsam.

Okay, so weit hätte die Geschichte glücklich beendet sein können.

WENN der Kunde nicht Samstags (da haben wir geschlossen) beim Chef angerufen hätte um sich bitterlichst über den unfähigen, dilletantischen Grafiker zu beschweren, der nix als Scheiße baut. Worauf hin der Chef am Samstag den Laden geöffnet und zusammen mit dem Kunden  die Karten neu gedruckt hat. Und MIR heute Morgen einen Einlauf verpasst hat.

Was war passiert?

Ich habe den Stick eingeschoben und gedruckt wie gesehen. Aaaber: Laut Kunde war der Innenteil “zu klein”. Der ganze Satz, Text und Bilder die innen im Gutschein gedruckt wurden waren “nicht groß genug”. Es steht zwar alles schön mittig auf der Seite, aber überall ist ein viiel zu großer Rand drum, das hätte ich als Grafiker doch sehen und wissen müssen, ich hätte ERKENNEN müssen daß das so nicht sein kann. Ich habe einen Knick in der Optik und bin für meinen Beruf nicht geeignet. Jawoll, so ist das.

Tja, ich war ein wenig verwirrt, habe mir das PDF nochmal angesehen und konnte eigentlich keine Fehler feststellen. Der Druck sah genau so aus wie auf dem PDF, die Größe stimmt auch und ja, da ist auf jeder Seite 2-3 cm Rand bis zum Text. Und weiter?

Was ich NICHT wusste: Der Kunde hatte sich seine Karten eigentlich anders vorgestellt. SEIN Text reicht im Orginal bis kurz vor den Rand und auch seine Bilder sind größer. Er hat den ganzen Scheiß schlicht und einfach zu klein angelegt. Die Vorderseite des Gutscheins ist DIN A4, die Innenseite hat er im Format A5 angelegt. Und ausgeschossen wurde dann wieder auf A4. Und dann soll ICH beim Drucken wissen wie der Kunde sich die Proportionen gedacht hat, um für lausige 3 Euro 6 Karten nachzusetzen, die der Kunde mir schon falsch angeliefert hat.

Ich muß leider sagen, ich wollte die Geschichte eigentlich etwas witziger ausbauen, aber ich habe mich beim Aufschreiben schon wieder derartig geärgert, dass mir die Lust vergangen ist. Vor allem weil ICH die Schuld für den Scheiß bekomme. Dankenswerterweise sogar von meinem Chef, denn der Kunde hat ja ein Geschäft hier in der Straße und der erzählt jetzt wieder überall was wir für ein scheiß Laden sind weil wir ja nicht drucken können und weil der Grafiker sowas hätte wissen müssen und…  BAH, da bekomme ich grade wieder ne Hasskrawatte. Ich bin raus…

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Autor: schnitter
Datum: Montag, 8. November 2010 11:03
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Ein Kommentar

  1. 1

    Der Inhalt dieser Zeilen kommt mir doch schwer bekannt vor. Ich schätze, das nennt man “Berufsrisiko”. :-)

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